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Pressemitteilung 005/2017 vom 10.01.2017

Bereich: Statements
Sachgebiet: Gesellschaft, Politik

"PR-Desaster allererster Güte" - Politikwissenschaftler Träger zur Situation von Legida

 

Politikwissenschaftler Dr. Hendrik Träger<br />Foto: Swen Reichhold/Universität Leipzig
Politikwissenschaftler Dr. Hendrik Träger
Foto: Swen Reichhold/Universität Leipzig

Die Initiative Legida hat gestern Abend nach zwei Jahren mit regelmäßigen Kundgebungen in Leipzig das Ende seiner bisherigen Veranstaltungen angekündigt. Könnte das der Anfang vom Ende dieser Bewegung sein? Wie wird es jetzt weitergehen mit Legida? Dazu äußert sich Dr. Hendrik Träger, Politikwissenschaftler der Universität Leipzig.


Herr Dr. Träger, ist jetzt der Anfang vom Ende der Legida-Bewegung in Sicht?

Es ist auf jeden Fall das Ende von Legida in der bisherigen Form mit regelmäßigen Versammlungen und Demonstrationen auf öffentlichen Plätzen. Eventuell könnte es auch der Anfang vom Ende von Legida als Organisation sein. Das wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen. Noch steht nicht fest, in welcher Form es überhaupt weitergehen könnte. Die Organisatoren sprechen von Kabarettabenden und Bürgerforen. Das hat mit der bisherigen Form nichts zu tun. Und selbst wenn es dazu käme, wäre die öffentliche Aufmerksamkeit nicht so groß wie bei Versammlungen und Demonstrationen in der Innenstadt. Aber eine Organisation wie Legida braucht öffentliche Aufmerksamkeit. Legida 2017 oder 2018 wird nicht das sein, was Legida 2015 einmal war.

Was sind die Ursachen für den Rückzug von der Straße?

Der Organisator Arndt Hohnstädter erklärte gestern Abend, Legida werde sich "hier auf der Straße künftig zurücknehmen, weil in Zeiten, in denen unser Staat von außen und innen bedroht wird, ist es nicht opportun, jede Woche oder jeden Monat tausende Polizisten von ihren Familien abzuhalten." Das klingt nach einem altruistischen Motiv, überzeugt aber nicht. Die Polizisten mussten auch schon 2015 Sonderschichten schieben, um die Demonstrationen von Legida zu ermöglichen. Wenn der von Hohnstädter genannte Grund stimmen würde, hätte sich Legida schon damals von der Straße zurückziehen müssen, damit die Polizisten aus Sachsen und aus anderen Bundesländern den Montagabend im Kreise ihrer Familie verbringen können.

In Wirklichkeit hat Legida erheblich an Zustrom verloren. Wenn nur noch ein paar hundert Leute zu den Versammlungen kommen, aber an den Gegendemonstrationen vier- bis fünfmal so viele Menschen teilnehmen, zeugt das von einem massiven Mobilisierungsproblem. Legida konnte seine Sympathisanten nicht langfristig bei der Stange halten und davon überzeugen, bei Wind und Wetter auf die Straße zu gehen. Vielleicht haben sich auch viele, die an den ersten Demonstrationen teilgenommen haben, mehr oder/und etwas anderes von Legida erwartet. Diese Erwartungen konnte Legida nicht erfüllen. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Leute wegbleiben. Das ist bei jeder Demonstration so, egal um welches Thema es geht.

Welches Ziel verfolgen die Legida-Strategen Ihrer Ansicht nach mit den angekündigten Veranstaltungen wie Kabarettabenden? Ist das ein Zeichen für die zunehmende Schwäche von Legida?

Die Ankündigung von Kabarettabenden und Bürgerforen klingt noch sehr unspezifisch. Die Organisatoren scheinen selbst noch nicht zu wissen, wie es weitergehen soll. Indirekt haben sie auch eingeräumt, dass die Strukturen zu gleichgesinnten Gruppierungen in anderen Städten fehlen. Arndt Hohnstädter sagte gestern Abend: "Wir haben uns als Legida wirklich bemüht, mit Dresden und Chemnitz eine Struktur aufzubauen. Leider ist uns das bis heute nicht geglückt." Es mangelt also an einem organisatorischen Umfeld, auf das Legida aufbauen könnte.

Wie genau solche Kabarettabende aussehen und welche Effekte sie für Legida als Organisation haben sollen, ist völlig unklar. Der Nutzen erschließt sich mir nicht. Politisches Kabarett unter Leitung von Legida wird in Leipzig auf keine so große Marktlücke stoßen, dass sich das für die Organisatoren lohnen dürfte. Es wirkt so, als wollten die Organisatoren ihre Sympathisanten gestern Abend nicht ohne einen Funken Hoffnung nach Hause schicken. Das mag gegenüber den eigenen Anhängern ehrenhaft sein, kann aber nicht über die erhebliche organisatorische Schwäche von Legida hinwegtäuschen.

Welche Rolle spielte bei dieser Legida-Entscheidung der anhaltend hohe Druck der Gegendemonstranten?

Die erheblichen Größenunterschiede zwischen den Legida-Veranstaltungen und den Gegendemonstrationen haben natürlich auch einen psychologischen Effekt: Die Sympathisanten von Legida bekommen bei jeder Versammlung vor Augen geführt, dass sie in Leipzig nur eine kleine Gruppe der Bevölkerung repräsentieren. Veranstaltungen gegen einen wesentlich größeren Gegner können natürlich auch demoralisierend und demobilisierend wirken. Außerdem ist es für die Organisatoren ein PR-Desaster allererster Güte, wenn in den Medien über ein immer kleiner werdendes Grüppchen auf der eigenen Seite und einen vergleichsweise übermächtigen Gegner berichtet wird. Es wirkt so, als hätten die Organisatoren die Notbremse gezogen, bevor demnächst in den Medien darüber berichtet wird, dass auf einen Legida-Sympathisanten zehn Gegendemonstranten entfallen.

Hinweis:
Dr. Hendrik Träger ist einer von rund 150 Experten der Universität Leipzig, auf deren Fachwissen Sie mithilfe unseres Expertendienstes zurückgreifen können.

 

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"PR-Desaster allererster Güte" - Politikwissenschaftler Träger zur Situation von Legida

letzte Änderung: 22.01.2017 

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