Universitätsjournal  


Universitätsjournal Heft 2/2012

Studium universale öffnet - Kinderwelten und -denken

Eine Lehrerin fragt den Schüler: »Hänschen, wenn ein Mensch zu Fuß in einer Stunde vier Kilometer schafft, wie viele Kilometer schafft er dann in drei Stunden?« Hänschen antwortet: »Das kommt darauf an, wie müde er nach der ersten Stunde ist.« Aus dieser Antwort können wir zwei Lehren ziehen: Erstens, alle Prognosen, die auf der linearen Fortschreibung von Zahlen beruhen, sind zweifelhaft, sofern sie es mit Menschen oder anderen lebenden Systemen zu tun haben. Zweitens, es bedarf der Lebensklugheit eines Kindes, uns daran zu erinnern. Kinderwelten, Kinderdenken und die sozialen und historischen Formen von Kindheit sollen in diesem Semester das Thema des Studium universale sein. Wir werden nach den Kindheiten in Leipzig fragen, wir wollen wissen, wie eine Schriftstellerin oder ein Kabarettist die Kindheit wahrnehmen oder wie diese im Mittelalter und in einer indianischen Kultur erlebt wird – gibt es Alternativen zu unserer westlich-globalisierten Form, zum Leistungs- und Statusdenken, das schon früh eingeimpft wird? Welchen Spielraum hat Erziehung noch angesichts der medialen Umwelten?

Das Studium universale legt Wert auf eine Diskussion zwischen den Fachgebieten im Sinne aufrichtiger und ungezwungener Neugier. Heinrich von Kleist beschrieb die Trennung der Wissenssysteme geradezu als eine Trennung von Menschenklassen: »Man könnte die Menschen in zwei Klassen abteilen; in solche, die sich auf eine Metapher und 2) in solche, die sich auf eine Formel verstehen. Deren, die sich auf beides verstehn, sind zu wenige, sie machen keine Klasse aus.« Diesem Mangel möchten wir im Studium universale entgegenwirken und dazu suchen wir auch den Kontakt mit der Leipziger Öffentlichkeit. Das Thema Kindheiten ist ein ideales Feld dafür, denn Kinder verstehen sich zunächst weder auf Metaphern noch auf Formeln, verkörpern aber den spielerisch ungezwungenen Umgang mit beiden Bereichen. Kindheit ist somit ein universales Thema, dessen Potential offensichtlich endlos ist. Jeder Erwachsene hat sie durchlaufen, man kann aus ihr schöpfen; zugleich betrifft sie die Zukunft, die man für die eigenen Kinder erschaffen muss.

Unser Zyklus über die Kindheit soll deshalb ein erster Beitrag sein für das Thema der Zukunft, mit dem sich auch die Stadt Leipzig über die nächsten Jahre beschäftigen muss. Stellen Sie sich vor, dass in 20 Jahren Ihr zweijähriges Kind anfängt, die Welt zu gestalten, die wir ihm überlassen haben. Sie wird zum Beispiel Juristin, er wird Sozialarbeiter. Was werden sie daraus machen? Haben wir ihnen die Möglichkeiten zu einem anderen Handeln mitgegeben? Man muss konkret werden, erst dann können wir uns Zukunft vorstellen.

Im Studium universale soll die Abstraktion der Wissenschaft auf die konkrete Welt treffen und sich an ihr messen. Es ist einer der wenigen Orte, an denen Studierende, Lehrende und Öffentlichkeit ohne Leistungs- oder Mediendruck über wichtige Fragen des Lebens und der Stadt miteinander sprechen können. An der Kinderuniversität kann dies Gespräch begonnen, im studium universale fortgeführt werden.

Uns liegt zudem an einem stärkeren Austausch zwischen den Wissenschaften und den Künsten. Neue Erkenntnisse erreichen die Wissenschaft oft indirekt, über den ästhetischen Sinn, das Spiel mit Formen und Ideen, und auch Kunst braucht Wissen. Deshalb versuchen wir Künstlern und Autoren ein Forum zu geben. Die Bücher, die wir regelmäßig zu den Reihen publizieren, sollen zudem das Gesicht Leipzigs tragen. Ein Leipziger Künstler soll jeweils den Buchumschlag oder die Plakate gestalten können. Wir freuen uns, dass wir diesmal den Leipziger Grafiker und Illustrator Egbert Herfurth gewinnen konnten.

Prof. Elmar Schenkel und Dominik Becher

Inhalte und Auflage

Das "Journal" der Universität Leipzig erscheint sechs Mal pro Jahr und wendet sich einerseits an alle Hochschulangehörigen, also Wissenschaftler, Studierende sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung, andererseits aber auch an die Freunde und Förderer der Universität, an Alumni und Emeriti sowie nicht zuletzt an die interessierte Öffentlichkeit.

Die Zeitschrift bietet eine Mischung aus Informationen zum aktuellen Universitätsgeschehen und Beiträgen zur Forschung, Hochschulpolitik, Geschichte sowie zum studentischen und kulturellen Leben an der Universität. Ziele und Akteure stehen im Mittelpunkt des "Journals" und prägen es durch ihre Geschichten, Forschungen, Themen. Nicht die Tagesaktualität ist dabei ausschlaggebend, sondern die Kommunikation wegweisender Projekte der Hochschule.

Das Journal erscheint in einer Auflage von 10.000 Exemplaren und liegt an zentralen Stellen auf dem Universitätsgelände aus. Dank entsprechender Vereinbarungen mit der Stadt Leipzig und der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH ist das "Journal" auch im Rathaus, in den Bürgerämtern und in der Tourist-Information, Katharinenstraße 8, erhältlich. Sollte es vergriffen sein, sind weitere Exemplare meist in der Pressestelle der Universität erhältlich. Die Redaktion freut sich über Themenanregungen und Meinungsaustausch per E-Mail.


letzte Änderung: 04.04.2012 

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